Sprachbarrieren überwinden

16.05.2020

Modellprojekt erleichtert Zugang zu psychiatrischer und psychotherapeutischer Versorgung

Im Alltag von psychiatrischen und psychotherapeutischen Praxen wird vorrangig Deutsch als erste Sprache verwendet. Trotz der zunehmenden Zahl von mehrsprachigen Mitarbeitenden, Ärzte/ Ärztinnen und Therapeuten/ Therapeutinnen ist die notwendige sprachliche Diversität eine große Herausforderung für das Gesundheitswesen. Sie ist jedoch eine Voraussetzung dafür, dass die Behandlung von geflüchteten Patienten und Patientinnen überhaupt erst möglich ist.

Um Menschen den Zugang zu medizinischen oder psychotherapeutischen Behandlungen zu erleichtern, hat die senatorische Behörde im vergangenen Jahr ein Modellprojekt mit REFUGIO Bremen ins Leben gerufen. Das Ziel ist der Aufbau eines Vermittlungspools von Sprachmittelnden für Psychotherapie und Psychiatrie und die Finanzierung der dortigen sprachlichen Begleitung und Unterstützung. Damit wurde ein Projekt umgesetzt, das seit vielen Jahren von der Fachöffentlichkeit gefordert wurde. Nach Hamburg hat nun auch Bremen erstmals ein Modellprojekt für Sprachmittlung im Gesundheitsbereich geschaffen.

Senatorin Claudia Bernhard: „Wir brauchen eine weitere interkulturelle Öffnung des Gesundheitswesens, wenn wir unseren eigenen Ansprüchen gerecht werden wollen. Leistungen der Gesundheitsversorgung müssen barrierefrei sein und fehlende Sprachkenntnisse sind eine Barriere. Diese Barriere bauen wir jetzt im Bereich der psychiatrischen und psychotherapeutischen Versorgung ab.“

Das Modellprojekt richtet sich an niedergelassene Psychiater und Psychiaterinnen sowie Psychotherapeuten und Psychotherapeutinnen, für den Bereich Erwachsene wie auch Kinder und Jugendliche, sowie Angestellte in Medizinischen Versorgungszentren, die durch das Projekt einen qualitätsgesicherten Zugang zu qualifizierten Sprachmittelnden erhalten. Gleichzeitig wird so geflüchteten Menschen aus und in Bremen und Bremerhaven eine ambulante Versorgung im Bereich Psychiatrie und Psychotherapie ermöglicht. Neben der Erleichterung des Zugangs soll damit vor allem die Frühversorgung verbessert werden.

Ingrid Koop, therapeutische Leiterin von REFUGIO: „Sprache ist der Schlüssel, denn Sprache ist ein Therapiemittel und entscheidend für den Behandlungserfolg. Wenn sich Behandler/Behandlerinnen, Ärzte/Ärztinnen oder Psychotherapeut/Psychotherapeutinnen nur rudimentär mit den Patienten und Patientinnen in einer gemeinsamen Sprache austauschen können, bleibt vieles ungeklärt.“

Viele Sprachmittelnde kennen zusätzlich auch die kulturellen Unterschiede. Das helfe oft, um bestimmte Zusammenhänge besser zu verstehen.

Konkret ermöglicht das „Modellprojekt Sprachmittlung“ durch ein einfaches Antragsverfahren, welches von Refugio koordiniert wird, die zügige Vermittlung und Durchführung. Die Patienten und Patientinnen müssen aus Bremen oder Bremerhaven kommen und der Behandlungsort muss Bremen oder Bremerhaven sein. Anträge können schriftlich bzw. per E-Mail gestellt werden. Informationen und den Antrag selbst sind auf der Homepage von REFUGIO Bremen zu finden: www.refugio-bremen.de/sprachmittlung/

Nach Prüfung des Antrags werden die Details der Vermittlung geklärt. Aktuell setzt sich der Sprachmittlungspool aus 30 für den Versorgungsbereich Psychotherapie und Psychiatrie qualifizierten Sprachmittelnden zusammen. Im Pool vertreten ist eine Vielfalt von Sprachen, wie z.B. Farsi, Arabisch, Kurdisch oder Serbokroatisch, welche die Bedarfsgruppen zu einem großen Teil repräsentieren kann. Die besondere Situation der Corona-Pandemie betrifft natürlich aktuell auch das Angebot der Sprachmittelnden, von daher wird verstärkt mit Video- oder Telefonkontakten gearbeitet. Das grundlegende Angebot des Sprachmittlungspools bleibt aber auch aktuell weiter bestehen.

Den Initiatoren und Initiatorinnen des Projekts ist es wichtig, dass diese Information bei möglichst vielen Praxen ankommt, um das Potential des Projekts auszuschöpfen und den Zugang für die Patienten/Patientinnen zu erleichtern. Die positiven Rückmeldungen von Psychotherapeuten/ Psychotherapeutinnen und Psychiater/Psychiaterinnen, welche teilweise erstmalig mit Sprachmittelnden zusammenarbeiteten, bestätigten die spezifisch ausgerichtete Qualität der Sprachmittlung, die über den Sprachmittlungspool bezogen werden konnte.

Für die Finanzierung im Jahr 2020 stehen 70.000 Euro an Fördermitteln aus Modellmitteln für die Psychiatriereform zur Verfügung. Es beinhaltet neben der Vermittlung von Sprachmittelnden auch die Bearbeitung von Anträgen auf Kostenübernahme, die Akquise neuer Sprachmittler/Sprachmittlerinnen und vor allem auch die Durchführung von Fortbildungen und Supervision von Sprachmittelnden für den Einsatz in psychotherapeutischer und psychiatrischer Behandlung. Ein regelmäßiger Fachaustausch findet in einem Fachbeirat statt.

Das Modellprojekt Sprachmittlungspool soll zu einer verbesserten Teilhabe bzw. Zugang zum Gesundheitssystem für geflüchtete Menschen in Bremen und Bremerhaven führen. Die Erfahrungen der ersten Monate und die große Nachfrage bestätigen, dass diesem Projekt bereits jetzt ein wichtiger Schritt gelungen ist.