Den Haushalt übernehmen, Medikamente holen, einem Elternteil beim Anziehen helfen oder sich um jüngere Geschwister kümmern: Manche Kinder und Jugendliche tragen zu Hause regelmäßig Verantwortung, weil ein Familienmitglied krank, pflegebedürftig oder beeinträchtigt ist. Sie werden Young Carer genannt. Schätzungen zufolge betrifft das etwa fünf bis sechs Prozent aller Kinder und Jugendlichen in Deutschland. Für das Land Bremen geht die Gesundheitssenatorin von etwa 6.100 bis 7.400 Young Carern aus.
Young Carer sind Kinder und Jugendliche, die regelmäßig Verantwortung für ein Familienmitglied übernehmen, das zum Beispiel körperlich oder psychisch erkrankt, pflegebedürftig, suchtkrank oder beeinträchtigt ist. Sie kümmern sich um Eltern, Großeltern oder Geschwister. Häufig unterstützen sie dabei andere Familienmitglieder. Manchmal sind sie jedoch auch die einzigen Personen, die die Versorgung übernehmen. Viele von der Young Carer nehmen ihre Aufgaben als selbstverständlichen Teil des Familienlebens wahr und würden sich selbst gar nicht als pflegende Angehörige bezeichnen. Umso wichtiger ist es, genauer hinzusehen.
Die Aufgaben können ganz unterschiedlich aussehen:
- Pflege und körperliche Unterstützung: zum Beispiel beim Anziehen, Waschen, Essen oder bei der Einnahme von Medikamenten helfen.
- Haushalt: einkaufen, kochen, putzen, Wäsche waschen oder andere Aufgaben übernehmen, die normalerweise Erwachsene erledigen.
- Betreuung: einem erkrankten Familienmitglied Gesellschaft leisten, es beaufsichtigen oder zu Terminen begleiten.
- Betreuung von Geschwistern: jüngere Geschwister versorgen, für sie kochen, sie zur Schule oder Kita bringen oder bei den Hausaufgaben helfen.
- Organisation: Termine vereinbaren, Schriftverkehr erledigen, Anträge unterstützen oder andere organisatorische Aufgaben übernehmen.
- Emotionale Unterstützung: zuhören, trösten, beruhigen oder versuchen, die Stimmung und das Familienleben zu stabilisieren.
Auch Kinder von Eltern mit einer psychischen Erkrankung oder Suchterkrankung können in besonderer Weise belastet sein. Ebenso können Kinder und Jugendliche mit einem schwer oder chronisch erkrankten oder behinderten Geschwisterkind viel Verantwortung übernehmen.
Zwischen Verantwortung und Überforderung
Anderen zu helfen, kann auch positive Erfahrungen mit sich bringen. Young Carer erleben sich häufig als wichtigen Teil ihrer Familie, entwickeln Verantwortungsbewusstsein und erfahren Selbstwirksamkeit. Gleichzeitig darf die Verantwortung nicht so groß werden, dass die eigenen Bedürfnisse und die altersgerechte Entwicklung zu kurz kommen. Die Grenze zwischen alltäglicher Mithilfe in der Familie und Überforderung ist oft fließend. Hinweise auf eine zu hohe Belastung können zum Beispiel häufiges Fehlen in der Schule, Konzentrationsprobleme, nachlassende Leistungen, Erschöpfung oder der Rückzug von Freund*innen und Freizeitaktivitäten sein.
Viele Young Carer sprechen selten von sich aus über ihre Situation. Manche empfinden ihre Aufgaben als selbstverständlich, andere schämen sich oder haben Angst davor, was passieren könnte, wenn Außenstehende von der familiären Situation erfahren. Deshalb sind Erwachsene im Umfeld besonders wichtig: Angehörige, Lehrkräfte, Schulsozialarbeiterinnen, pädagogische Fachkräfte, Ärztinnen sowie Fachkräfte aus Beratung, Pflege und Jugendhilfe können aufmerksam sein und Gesprächsmöglichkeiten anbieten.
- Dabei gilt: zuhören, ernst nehmen und gemeinsam nach Entlastung suchen. Young Carer sollten in Entscheidungen einbezogen werden. Gleichzeitig muss sichergestellt sein, dass ihre Hilfe freiwillig bleibt und sie auch Nein sagen können.
Hilfe und Beratung für Young Carer und ihre Familien
Unterstützung muss nicht erst beginnen, wenn die Situation zu viel geworden ist. Ziel kann sein, Aufgaben innerhalb der Familie anders zu verteilen und professionelle oder ehrenamtliche Hilfen einzubeziehen. Auch Angehörige können sich beraten lassen, wie sie Kinder und Jugendliche entlasten können.
Hinschauen kann helfen
Young Carer leisten viel – häufig, ohne dass Menschen außerhalb ihrer Familie davon wissen. Nicht jede Unterstützung im Familienalltag bedeutet automatisch eine Überforderung. Entscheidend ist, ob Kinder und Jugendliche genügend Zeit und Raum für Schule, Freundschaften, Freizeit und ihre eigenen Bedürfnisse haben.
Wenn du vermutest, dass ein Kind oder eine Jugendlicher zu viel Verantwortung trägt, kannst du einen wichtigen ersten Schritt machen: Interesse zeigen, zuhören und Unterstützung anbieten. Denn Care-Arbeit sollte für junge Menschen nicht bedeuten, mit ihren Sorgen und ihrer Verantwortung allein zu bleiben.
An wen können sich Young Carer, ihre Angehörige und andere Bezugspersonen wenden?
- Pausentaste.de ist ein bundesweites Informationsangebot speziell für Young Carer. Neben Informationen für betroffene Kinder und Jugendliche gibt es dort Materialien für Eltern und Fachkräfte.
- Das Mädchenhaus Bremen berät Mädchen* und junge Frauen* ab der 5. Klasse bis 26 Jahre bei schwierigen Lebenssituationen. Die Beratung ist kostenlos und kann anonym in Anspruch genommen werden. Auch psychische Belastungen und Probleme innerhalb der Familie können Thema sein.
- Bei Sorgen um das eigene Wohl oder das Wohl eines Kindes oder Jugendlichen ist der Kinder- und Jugendnotdienst Bremen erreichbar. Die Kinderschutz-Hotline 0421 699 11 33 ist rund um die Uhr besetzt und kann auch anonym kontaktiert werden.
- Der Kinderschutzbund e.V. im Land Bremen unterstützt und berät Kinder und Jugendliche telefonisch unter 0421 240 112 20 (montags, dienstags, mittwochs und freitags von 11 bis 13 Uhr und donnerstags von 15 bis 17 Uhr) per E-Mail und auch persönlich, auch an einem Ort der Wahl z.B. Schule, Freizi, Sportverein, Lieblingscafé, öffentliche Plätze.
- Geht es vor allem darum, die Pflege eines Angehörigen besser zu organisieren und dadurch Kinder oder Jugendliche zu entlasten, können sich Familien auch an die Pflegestützpunkte im Land Bremen wenden. Sie beraten neutral und kostenfrei zu Pflege, Versorgung und passenden Hilfen.
- Nummer gegen Kummer: Kinder und Jugendliche können sich telefonisch unter 116 111 anonym und kostenlos beraten lassen, montags bis samstags von 14 bis 20 Uhr oder die Online- oder Chatberatung nutzen.
- Für Eltern und andere Erziehende können das Elterntelefon von Nummer gegen Kummer nutzen unter 0800 111 0550 (montags, mittwochs und freitags zwischen 9 und 17 Uhr, dienstags und donnerstags zwischen 9 und 19 Uhr).
- Johanniter superhands bietet eine Info-Plattform für pflegende Kinder und Jugendliche und Schulungsplattform für Fachkräfte.
